Pressekritiken
Hart erkämpfte Gewissheit
Überzeugend: Brahms-Requiem des Bach-Chores in der Siegerlandhalle
Siegen. (MG/Loh) "Ein deutsches Requiem" ist der Titel des Werkes, an dem Johannes Brahms zwischen 1861 und 1868 gearbeitet hat, um seiner Mutter und Robert Schumann ein musikalisches Denkmal zu setzen.
"Ein deutsches Requiem": Das besagt nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass Brahms eine Musik zum Todesgedenken in deutscher Sprache komponiert hat, mit Texten, die er selbst aus der Bibel zusammengestellt hat. Insofern steht sein Werk in unmittelbarer Nachfolge des "Actus tragicus" von Johann Sebastian Bach - mit einem bedeutsamen Unterschied: Ein Satz wie "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" kommt hei Brahms nicht vor.
Brahms hat den Kreuzestod Christi ausgespart und damit aus Überzeugung eine Distanz zwischen sein Werk und die liturgischen Requiemtexte gelegt. Nicht die Bitte um Erlösung der Gestorbenen steht im Mittelpunkt, sondern die Hoffnung auf Trost für die Zurückgebliebenen. Deshalb beginnt dieses Requiem mit den Worten: "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden."
So erscheint das ganze Werk wie ein anhaltendes Ringen um den religiös vermittelten Glauben, dass das Leben durch den Tod nicht seinen Sinn verliert.
Die Musik von Brahms sagt unüberhörbar: Eine solche Gewissheit wird nicht geschenkt, sondern erkämpft. Die unendlich schönen Stellen wie das Sopransolo „Ihr habt nun Traurigkeit“ sind glaubwürdig, weil sich der Hörer zuvor der unerbittlichen Härte von Worten wie „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ aussetzen muss. Zwischen Todesfurcht und Glaubenshoffnung findet diese musikalische Predigt die Spannung, welche auch heutige Hörer tief zu bewegen vermag.
Ulrich Stötzel konnte diese Spannung mit seinen gut vor bereiteten Chorsängern und den einfühlsam musizieren den Philharmonikern über zeugend zur Wirkung bringen. Von der meditativen Gestaltung des Eingangschores über die markant artikulier ten Aussagen zur menschlichen Befindlichkeit, über die durchsichtig vorgetragenen Fugen bis hin zur dynamisch beweglichen Darstellung der Verkündigung entfaltete sich ein ergreifender Bogen.
Auch die Solisten nahmen das angedeutete Interpretationskonzept auf. In der durch Wohlklang und Stimmkultur geprägten Darstellung des Bassisten Franz Gerihsen fand das Deklamatorisch-Predigthafte stärker Ausdruck als der Hilferuf der betroffenen Seele.
Mit großer Stimmentfaltung und starker Emphase ließ die Sopranistin Anja Eichhorn aus dem zentralen Gedanken „Wie einen seine Mutter tröstet“ eine Aura wachsen, in der Hoffnung musikalisch glaubhaft wurde.
Die Siegerlandhalle war bei diesem Tschernobyl-Gedenk- und Benefizkonzert schwach besucht. Nach langem Verharren dankten die Zuhörer mit intensivem Beifall.
