Pressekritiken
Gedenken an Tschernobyl-Opfer Bach-Chor Siegen und Philharmonie Südwestfalen spielen "Ein deutsches Requiem"
röd Siegen. Als sich 1986 die Katastrophe von Tschernobyl ereignete, war wohl anfangs noch niemandem so recht klar, welche Tragweite das Geschehene wirklich haben würde. Seit dieser Zeit haben sich allein in Deutschland mehrere hundert Hilfsorganisationen zu Gunsten der Opfer gegründet, die in diesen Tagen, in denen sich das Ereignis zum zwanzigsten Male jährt, mit zahlreichen Konzerten und anderen Veranstaltungen den Leid tragenden der Katastrophe gedenken.
Im Siegerland sind es die Vereine Heim-Statt Tschernobyl und Ärzte in Sozialer Verantwortung IPPNW Siegen-Wittgenstein-Olpe, die sich aktiv mit den Geschehnissen auseinander setzen und die am Sonntag in die Siegerlandhalle geladen hatten, um mit Johannes Brahms ‚Ein deutsches Requiem“ der Tschernobyl-Opfer zu gedenken. Ausführende waren der Bach-Chor Siegen und die Philharmonie Südwestfalen unter der Leitung von Ulrich Stötzel sowie die Sänger Anja Eichhorn (Sopran) und Franz Gerihsen (Bass).
Brahms „Deutsches Requiem“ beschritt zur Zeit seiner Entstehung neue Wege und Sichtweisen. Waren es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein noch immer die gleichen Textformeln, aus denen ein Requiem zu bestehen hatte, löste sich Brahms davon und fügte für seine Komposition 16 freie Bibelstellen zusammen. Das ‚Deutsche Requiem“ ist ein eindeutiges Plädoyer für Hoffnung, Gnade und Trost und steht damit ganz im Gegensatz zum traditionellen lateinischen Requiem, in dem das Flehen um Erlösung nach dem Tod im Mittelpunkt steht. Es mag sich so gesehen bei Brahms‘ Opus 45 weniger um streng formulierte Kirchenmusik handeln, als vielmehr um ein persönliches Glaubensbekenntnis des Komponisten.
Musikalisch enthält das Werk neben Brahms‘ eigener romantischer Tonsprache auch viele Rückbesinnungen auf barocke Ausdrucksformen. Hier sind Fugen und Kontrapuntktisches ebenso zu finden wie Originalzitate von J. 5. Bach.
Barock-Spezialist Ulrich Stötzel näherte sich dem Werk von einer eher romantischen Seite. Weitschweifiger Streicherklang und zerbrechlich anmutende Holzbläserstimmen auf der einen Seite und aufbrausendes Schlagwerk auf der anderen waren die Pole, zwischen denen Chor und Orchester dieses Requiem ausloteten. Dabei war es in erster Linie der hervorragend agierende Bach-Chor, der durch seine hoch kontrollierte Stimmführung die musikalischen Höhepunkte der Aufführung markierte. Allein das anfängliche „Selig sind, die da Leid tragen“ war von berückender und ergreifender Eindringlichkeit, die im Piano wunderbar mit dem Orchester harmonierte.
Im Forte- und Tutti-Spiel konnte die Philharmonie jedoch nicht immer das hohe musikalische Niveau des Chores mittragen. Die sensible Durchsichtigkeit der einzelnen Stimmen war in lauteren Passagen nicht mehr auszumachen, viele Einsätze waren zudem vor allem im Blech oft verschleppt, so dass die expressiven und eruptiven Höhepunkte des Requiems all zu oft nur von einem bestens aufgelegten Chor gestaltet wurden.
Dennoch geriet die Aufführung zum Publikumserfolg mit reichlich Beifall für alle Beteiligten. Das ‚Deutsche Requiem“ ist eben auch heute noch geeignet, um der Toten und Leidenden zu gedenken und in dieser Eigenschaft eigentlich gar nicht zwingend „deutsch“, was wohl auch der Komponist selbst so sah, als er in einem Brief schrieb: ‚Ich gebe zu, dass ich recht gern auch das Deutsch fortließe und einfach den ‚Menschen‘ setzte.“
Siegener Zeitung, 14. März 2006
